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Generisches Maskulinum

Die generische Verwendung des Maskulinums in der deutschen Sprache ist in den letzten Jahren verstärkt in die Kritik geraten. Aller Kritik zum Trotz versteht – und benutzt – eine große Mehrheit der Bevölkerung (rund 75 – 80%) das generische Maskulinum jedoch immer noch als inklusive Form. Inklusiv bedeutet hier: alle Geschlechter adressierend. Den Sprachgewohnheiten einer großen Mehrheit unserer Sprachgemeinschaft folgend verwenden wir daher auf dieser Website das generische Maskulinum. Wenn hier von Musikern, Dozenten, Anfängern, Spielern etc. die Rede ist, sind damit also stets Menschen jeglichen Geschlechts gemeint.

Warum das Maskulinum generisch (inklusiv) verwendet kann – Sprachwissenschaftliche Aspekte

1) Sexus und Genus: Die Kritik am generischen Maskulinum beruht im Kern auf der sprachwissenschaftlich falschen Gleichsetzung von Genus und Sexus. Vom grammatischen Geschlecht (Genus) eines Wortes kann nicht grundsätzlich auf das biologische Geschlecht (Sexus) des bezeichneten Menschen geschlossen werden. Genus und Sexus sind zwei unterschiedliche Kategorien. Wörter wie “Person”, “Mensch” oder “Kind” belegen, dass Sexus und Genus völlig entkoppelt auftreten können: Das feminine Wort “die Person” verweist ebenso auf alle Menschen wie das maskuline Wort “der Mensch”. Das feminine Wort “die Geisel” verweist ebenso auf alle Menschen wie das maskuline Wort “der Fan”. Das feminine Wort “die Koryphäe” verweist ebenso auf alle Menschen wie das maskuline Wort “die Flüchtlinge”. In vergleichbarer Weise sexusneutral verwendet können auch generische Maskulina wie Einwohner, Bürger, Nutzer, Engländer, Besucher, Teilnehmer oder Veranstalter.

2) Wortbildung: Das Wort “Lehrer” bezeichnet in seiner Grundbedeutung eine “Person, die lehrt” und transportiert keine Geschlechtsinformation. Das soll anhand der movierten Form “Lehrer-in” verdeutlicht werden: “Lehrerin” kann nur deshalb ‚weibliche Person, die lehrt‘ bedeuten, weil die dem Wort zugrundeliegende Grundform Lehrer ‚Person, die lehrt‘ bedeutet und nicht etwa ‚männliche Person, die lehrt‘. Es gibt kein einziges Wort im Deutschen, bei dem durch Hinzufügung weiterer Bedeutungselemente (hier die Silbe -in) bereits bestehende Bedeutungen aufgehoben werden. Dies müsste allerdings geschehen, wenn “Lehrer” exklusiv auf einen Mann verwiese. Die angefügte Silbe “-in” zur Kennzeichnung einer Frau müsste in diesem, Fall die Information “männlich” löschen. Die Grundform “Lehrer” ist jedoch geschlechtsneutral. Daher kann problemlos die Silbe -in angehängt werden, um eine Frau zu kennzeichnen. Und daher ist es im Deutschen auch wesentlich einfacher, eine Frau sprachlich sichtbar zu machen als einen Mann. Während “Lehrer-in” eindeutig auf eine weibliche Person verweist, kann “Lehrer” in seiner spezifischen Verwendung auf einen Mann verweisen aber auch generisch/inklusiv auf alle Geschlechter.

3) Oft wird auf sogenannte psycholinguistische Studien verwiesen, die angeblich belegen, dass Menschen beim generischen Maskulinum vorrangig an Männer denken. Diese Studien, die oft nur mit einer verschwindend geringen Anzahl studentischer Probanden durchgeführt wurden, sind allerdings wenig aussagekräftig. Das liegt vor allem daran, dass die Maskulinformen, deren Rezeption getestet wurde, aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Um generisch verstanden zu werden, benötigt das Maskulinum einen entsprechenden Kontext. Dieser klärende Kontext fehlt bei den Studien oft – weshalb sie im Hinblick auf die inklusive Verwendung des Maskulinums nicht aussagekräftig sind.

4) Generische Maskulina begegnen uns in zahlreichen Komposita = Lehrerzimmer, Bürgerbefragung, Bürgertest, Bürgersteig, Bundeskanzleramt, Ministerpräsidentenkonferenz, Wählerstimmen, Lehrerausbildung. Selbst Genderlinguistinnen haben mit der generischen Verwendung von Maskulina in Komposita in der Regel kein Problem und raten von Neuschöpfungen wie “Leser*innenbriefe” oder “Unternehmer*innentum” ab. Was für Komposita gilt, funktioniert selbstverständlich auch außerhalb von Wortbildungen: Das Maskulinum kann grundsätzlich geschlechtsneutral gelesen werden.

5) Der inklusive Charakter des Maskulinums lässt sich auch anhand der Markiertheitstheorie des Sprachwissenschaftlers Roman Jacobson erläutern. Jacobson verweist auf die Mehrdeutigkeit mancher sprachlicher Zeichen, die in einem Oppositionspaar (Tag/Nacht) sowohl den einen Begriffspol bezeichnen als auch generisch für beide Begriffe (Tag) stehen können. So steht der Tag semantisch der Nacht gegenüber („Die Tage werden immer kürzer“), kann aber auch die Nacht einschließen („Wir haben nur 10 Tage Urlaub“). Die generische Verwendung eines Wortes wie „der Lehrer“ folgt dem gleichen Prinzip der inklusiven Opposition: “Lehrer” kann sich auf einen spezifischen männlichen Lehrer beziehen aber auch auf alle Lehrkräfte ungeachtet ihres Geschlechtes. Im Oppositionspaar Lehrer/Lehrerin ist das Maskulinum das “unmarkierte” Wort und kann mithin die “Lehrerin” inkludieren (so wie der “Tag” die “Nacht” einschließen kann).

6) Die Endung -er verweist mitnichten immer auf Männer, wie einige Sprachaktivisten behaupten. Das zeigen zum Beispiel Wörter, die sowohl Menschen als auch Gegenstände bezeichnen: Flieger, Lenker, Rechner, Sprecher, Träger, Der Mäher, Seher, Hörer, Schläger, Anhänger, Drücker, Sammler, Verteiler. Die Silbe -er ist ein Wortbildungselement mit vielfachen Bedeutungen und keine Markierungssilbe für Männer.

7) Das Maskulinum ist im Vergleich zum Femininum die sprachgeschichtlich ältere Form. Das Femininum kam erst deutlich später hinzu. Bis dahin galt das Maskulinum als das “genus animatum”, das Genus für Belebtes. Vor dem Auftauchen des Femininums enthielt das Maskulinum keinen Verweis auf irgendein Geschlecht. Erst durch das Hinzukommen des Femininums ergab sich die zweifache Verwendungmöglichkeit des Maskulinums: als spezifisches Maskulinum zur Bezeichnung männlicher Personen (Der Lehrer Hugo Müller) oder als als generisches Maskulinum ohne Geschlechtsbezug (alle Lehrer an der Schule).

8) Entgegegen anderslautender Behauptungen ist die generische Verwendung des Maskulinums ein sehr altes Phänomen und für das Deutsche schon seit dem Althochdeutschen belegt (siehe Trutkowski). Nun ist Alter allein kein Argument für die Weiterbenutzung einer sprachlichen Form. Allerdings ist belegt, dass eine inklusive und mithin nicht diskriminierende Verwendung des Maskulinums eine Sprachpraxis mit langer Tradition ist.

Weiterführende Literatur:

  • Baumann, A., & Meinunger, A. (Hrsg.). (2017). Die Teufelin steckt im Detail. Zur Debatte um Gender und Sprache. Berlin: Kulturverlag Kadmos.
  • Payr. F. (2021): Von Menschen und Mensch*innen. Springer.
  • Ewa Trutkowski und Helmut Weiß (2022): “Zeugen gesucht!
    Zur Geschichte des generischen Maskulinums im Deutschen”