Von Salzstreuern und Salzstreuerinnen

“Geschlechtergerechte Sprache” – ein heikles Thema. Verfechter und Verächter stehen sich unversöhnlich gegenüber. Wer gegendertes Deutsch kritisiert, wird schnell ins rechte Eck gestellt. Dabei gibt es einige Gründe, dem eifrigen Gebastel an der deutschen Sprache mit Skepsis zu begegnen, ohne dass man gleich ein alter Chauvi sein muss.

Wir benutzen auf dieser Website keine “geschlechtergerechte Sprache”, weil wir sie für unpraktikabel, stilistisch misslungen und in ihrem Anspruch auf moralische Deutungsmacht anmaßend halten. Sprechverbote nehmen überhand, Sprache wird ideologisch gekapert, Dogmatiker bestimmen, was gesagt werden darf und was nicht. Was spricht gegen gegendertes Deutsch?

Umständlichkeit: Die grassierende Beidnennung (“Bürger und Bürgerinnen”, “Wähler und Wählerinnen”, “Schüler und Schülerinnen”, “Soldaten und Soldatinnen”) nervt und bläht Texte unnötig auf. Müssen wir auf Schritt und Tritt daran erinnert werden, dass es uns Menschen in weiblicher und männlicher Ausfertigung gibt? (Na ja, selbst die geschlechtliche Bipolarität wird ja mittlerweile in Frage gestellt.) Die Beidnennungs-Marotte führt nicht nur zu Problemen bei der Texterstellung sondern auch zunehmend zu sprachlicher Verwirrung. 1) Außerdem ist sie nicht konsequent durchzuziehen, ohne dabei groteske Sprachmonster zu produzieren.

Ästhetik: Die “geschlechtergerechte Sprache” ist unschön und tut der Sprache Gewalt an. Der Germanist und Romanist Roland Kaehlbrandt führt unter anderem ästhetische Argumente gegen das “Gerechtigkeitsdeutsch” an, konstatiert Künstlichkeit und den Verlust von Sprachschönheit: “Die sprachlichen Verrenkungen, die aus dem akademischen Milieu in die Öffentlichkeit gelangen, zeugen zwar von Engagement für die Sache, aber leider auch von Weltfremdheit und mangelndem Sprachgefühl.” 2) 3)

Moralischer Zeigefinger: Der Begriff „geschlechtergerechte Sprache“ ist per se problematisch. Jemand nimmt für sich in Anspruch, “gerecht” zu sprechen und klassifiziert damit jede hiervon abweichende Sprachpraxis als Unrecht. Das ist anmaßend. Der Elan und die Intoleranz mit denen dieses sprachliche Erziehungs-Programm seit vielen Jahren vorangetrieben wird, erinnern an die Selbstgerechtigkeit religiöser Eiferer. Bei solchen ideologisch getriebenen Zeitgenossen gibt es immer nur eine einzige Gerechtigkeit, und zwar die eigene. Für Roland Kaehlbrandt ist die geschlechtergerechte Sprache Produkt einer “Bevormundungsgesellschaft”, deren Akteure mit “übertriebener Selbstgewissheit“ ihre sprachpolitische Agenda verfolgten und hierbei eine Art “Moraldeutsch” ins Leben gerufen hätten.

Die angebliche Diskriminierung von Frauen durch die grammatikalische Form des generischen Maskulinums („die Studenten“) ist ein seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts vom Feminismus liebevoll gehätschelter Popanz. Die im Grundgesetz garantierte Gleichberechtigung wird nicht erkämpft, indem man mit ideologischem Umerziehungseifer in eine gewachsene Sprache eingreift und den “Schüler” ersetzt durch den “Lernenden” (oder besser noch “Sus”), den Dozenten durch den “Dozierenden” und den Studenten durch den “Studierenden” und das Studentenwerk durch das “Studierendenwerk”. Es ist frommes Wunschdenken zu glauben, man könne durch solche Sprachverrenkungen das Bewusstsein ändern. Eher schafft man Widerstand gegen das unzweifelhaft wichtige Anliegen der Gleichberechtigung. Und leistet unfreiwillig einen Beitrag zum Gedeihen rechtspopulistischer Bewegungen. Jedwede Kritik an gegendertem Deutsch wird von seinen Propagandisten sofort in die rechte Ecke gestellt – eine an Infamie kaum zu überbietende Abwehrtstrategie. Schon allein deshalb kann man Lust bekommen, hier die Gefolgschaft zu verweigern und sich dem autoritären Sprachdiktat zu entziehen.

Letzten Endes ist unsere Entscheidung gegen “geschlechtergerechte” Sprache das Ergebnis einer Güterabwägung, bei der Praktikabilität und Sprachschönheit der Vorrang vor politischer Korrektheit gegeben werden. Wir bitten um Toleranz. Und als Menschen mit abweichender Sprachpraxis um Nicht-Diskriminierung.

—————————————————

1) Hessens Finanzminister Thomas Schäfer sorgte im Juni 2015 im hessischen Landtag für Heiterkeit, als er von «kreisangehörigen Gemeindinnen und Gemeinden» sprach. Quelle. Ja und googeln Sie mal nach „Mitglieder und Mitgliederinnen“ (die es natürlich nicht gibt, da das Mitglied sächlich ist).

2) Von Max Goldt stammt dazu das folgende Zitat: „Wie lächerlich der Begriff Studierende ist, wird deutlich, wenn man ihn mit einem Partizip Präsens verbindet. Man kann nicht sagen: In der Kneipe sitzen biertrinkende Studierende. Oder nach einem Massaker an einer Universität: Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden. Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren.“

3) Roland Kaehlbrandt: Logbuch Deutsch. Wie wir sprechen, wie wir schreiben. Klostermann, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-465-04255-6, S. 115–128.

Zur weiteren Lektüre empfohlen: